Was ist Scottish Country Dancing überhaupt?

(Aus der FAQ für soc.culture.scottish, übersetzt ins Deutsche und etwas erweitert:)

Worum geht's?

Tanzen auf einem Ball
Scottish Country Dancing ist eine moderne Form des »country dancing«, das in England und Schottland im 18. Jahrhundert beliebt war. Dabei tanzen Gruppen von sechs bis zehn Leuten (meistens) gemischten Geschlechts (meistens) — ein »Set« — zu den schwungvollen Melodien schottischer Reels, Jigs und Strathspeys, gespielt auf Geige, Akkordeon, Flöte, Klavier, Schlagzeug usw. (keine Dudelsäcke (meistens!)). Die Tänze kombinieren Solofiguren für das »erste Paar« in einem Set mit Formationen für alle Tänzer, aber es gibt jede Menge Abwechslung — ein Katalog umfaßt über 9000 verschiedene Tänze, von denen um die 1000 von bleibender und nicht örtlich beschränkter Bedeutung sein mögen. Viele dieser Tänze entstammen traditionellen Quellen wie alten Manuskripten oder gedruckten Tanzsammlungen, aber viele wurden auch in der jüngeren Vergangenheit geschrieben (in den letzten 50 Jahren oder so). Dieses Zusammenkommen von Tradition und neuen Ideen sowie die ständige Fortentwicklung sind ein Teil der Anziehungskraft von Scottish Country Dancing.

Man kann sich SCD vorstellen wie eine Kreuzung aus Square- oder Contratanz (obwohl es keinen Caller gibt) und Ballett; es gibt rund ein Dutzend grundlegende Figuren, obwohl viele Tänze ihre eigenen kleinen Spezialitäten haben, die sie einzigartig und spaßig machen. »Schrittechnik« hat auch mehr Bedeutung als zum Beispiel bei »Ceilidhtänzen«, die der eine oder die andere aus dem Schottlandurlaub kennen mag — aber die grundlegende Technik kann auf einem Wochenendkurs oder ein paar Monaten einmal wöchentlichen »Trainings« ohne weiteres erlernt werden. Obwohl es so viele Tänze gibt, muß man keine davon auswendig können, wenn man nicht will — die Programme für Bälle und Parties werden normalerweise weit im Vorhinein veröffentlicht, so daß man sich Spickzettel zurechtmachen kann (oder die Programme sind selber schon die Spickzettel). Auf dem Ball selbst werden die Tänze normalerweise noch einmal kurz erklärt oder gar langsam durchgelaufen, bevor die Musik losgeht (aber das hängt von den örtlichen Präferenzen ab).

Ein SCD-Kurs in Budapest, Ungarn
Beim schottischen Tanzen kommt es sehr auf das »Miteinander« an, nicht nur, weil man mit rund sieben Leuten gleichzeitig tanzt statt nur mit einer anderen Person (Lächeln und Augenkontakt sind fast Pflicht, und es gibt, wenn man will, eine Menge Gelegenheit für lockeres »Flirten«), sondern auch, weil Kurse, Bälle und »Socials« überall auf der Welt abgehalten werden. Es ist schön, reisen und dabei fast überall für einen Abend schottisch tanzen zu können.

Geschichtliches

Als das Country Dancing im 18. Jahrhundert nach Schottland kam, war es zuerst unter den Leuten in Städten wie Edinburgh beliebt, aber breitete sich über ganz Schottland aus (unterschiedlich schnell) und gedieh dort sogar, als während des 19. und frühen 20. Jahrhunderts modernere Tänze wie der Walzer, der One-Step usw. anderswo modisch wurden. Country Dancing in Schottland wurde auch von anderen schottischen Tänzen, etwa Highland-Tänzen, beeinflußt und bekam so einen besonderen »schottischen« Touch.

1923 wurde die Scottish Country Dance Society (SCDS, später »Royal« Scottish Country Dance Society oder RSCDS) gegründet, um die Tradition des schottischen Country Dancing zu bewahren.

Das RSCDS-Logo
Ihre Gründer beobachteten Leute beim Tanzen und sammelten die Tänze, um sie zu veröffentlichen. Außerdem versuchten sie, Tänze aus alten Manuskripten zu rekonstruieren, die nicht mehr getanzt wurden, und standardisierten technische Punkte wie Schritte und Fußarbeit (worum die einfachen Leute sich selten viel kümmerten). Es ist umstritten, ob diese Standardisierung aus der Sicht des »Bewahrens« der schottischen Tradition eine gute Idee war, aber sie hat sicherlich viel dazu beigetragen, Scottish Country Dancing zu etwas zu machen, das zu einem internationalen Erfolg werden konnte. In der Tat wird heute vermutlich viel mehr schottisch getanzt als irgendwann früher, und das geht zum allergrößten Teil auf die Bemühungen der RSCDS zurück.

Die RSCDS zählt heute um die 25,000 Mitglieder und hat »Branches« in verschiedenen Ländern auf der ganzen Welt (auch in Deutschland). Viele Schottentanzgruppen weltweit (auch in Deutschland) sind »affiliated« bei der RSCDS, ohne »Branches« zu sein, und noch viel mehr Leute haben Spaß an SCD, ohne RSCDS-Mitglieder (oder Mitglieder irgendeines Vereins) zu sein.

Warum Schottentanzen in Deutschland?

F. Warum tanzen so viele Deutsche schottisch? Es gibt doch auch deutsche Volkstänze!

A. Eine gute Frage. Vermutlich weil man(n) beim Schottentanzen einen Kilt tragen kann — und der ist bekanntlich das machomäßigste Kleidungsstück, das es gibt :^) Weil so viele Leute lieber nach Schottland in Urlaub fahren als in den bayrischen Wald. Oder weil die Musik so mitreißend ist. Man kann sich viele Gründe denken, aber in Wirklichkeit ist es vielleicht ganz simpel: Es macht halt einfach Spaß, sich einen ganzen Abend lang von einer Welle aus Begeisterung, Teamgeist und Musik tragen zu lassen ... es ist schwer, dafür die passenden Worte zu finden (seufz).

F. Wo gibt es in meiner Nachbarschaft eine Schottentanzgruppe?

A. In vielen Großstädten (und nicht so großen Städten). Wer im Stuttgarter Raum oder im Ruhrgebiet (im weitesten Sinne) wohnt, hat Glück, denn er (oder sie) kann unter diversen Gruppen wählen. Aber auch in Hamburg, Frankfurt am Main, München, Berlin, Karlsruhe, Freiburg, Hannover, Würzburg, Erlangen, Münster, ... die Liste ist zu lang, um sie hier vollständig aufzuzählen. Frag einfach nach (Adresse siehe unten) oder schau auf dem Strathspey Server nach (siehe auch unten). Etwas dünn sieht es im Moment nur in Niedersachsen und in den neuen Bundesländern aus. Aber wartet nur ab — wir infiltrieren Euch auch noch!

F. Braucht man spezielle Schuhe oder (als Mann) einen Kilt?

A. Ein Kilt ist nicht unbedingt nötig — zum Glück, denn gute Kilts sind nicht ganz billig. Allerdings holen sich die meisten früher oder später trotz allem doch einen, weil es (a) gut aussieht und (b) — was wichtiger ist — das Tanzen darin viel mehr Spaß macht. Auch die Damenwelt trägt gerne einen Rock.

Was die Schuhe angeht: Die meisten Herren und viele Damen tragen sogenannte »Ghillies«. Das sind im wesentlichen »Gymnastikschlappen« aus Leder (auch mit einer Ledersohle), die oben einen langgestreckten Schnürzug haben. Diese Schuhe sind bequem, lassen sich ganz genau an den Fuß anpassen, und es tut nicht so furchtbar weh, wenn man mal versehentlich getreten wird (was ohnehin selten vorkommt). Manche Damen, denen die Ghillies aus modischen Erwägungen nicht zusagen, bevorzugen auch weiche Ballettpumps.

Turnschuhe und sowas funktionieren nicht besonders gut. Für den Anfang reichen »richtige« Gymnastikschlappen — vorzugsweise mit Ledersohlen — ohne weiteres aus. Sowas bekommt man in gutsortierten Sportgeschäften (als ich angefangen habe, war es kein Problem, ein Paar in Größe 45 aufzutreiben) für nicht allzuviel Geld. Ghillies sind etwas teurer und in Deutschland auch nicht über den Ladentisch erhältlich, aber es gibt in Schottland Firmen, bei denen man welche bestellen kann. Wenn Du in einer Gruppe tanzt, dann frag Deinen Lehrer bzw. Deine Lehrerin, die müßten weitere Informationen haben. (Tip: Sammelbestellung spart Portokosten!)

F. Muß man englisch können?

A. Nicht unbedingt, aber es hilft. Es zeigt sich, daß das Schottentänzerenglisch überschaubar ist — Figurnamen und so weiter hat man schnell drauf —, aber oft gibt es (Wochenend-)Kurse, zu denen Lehrer aus Schottland eingeladen werden. Die können normalerweise kein Deutsch, so daß der Unterricht dort nur auf Englisch ist. Und es ist bitter, wenn man dann die Witze nicht versteht ...

F. Ist Schottentanzen wirklich überall auf der Welt dasselbe?

A. Ja. Schritte und Figuren sind durch die RSCDS standardisiert, und so ist es gar kein Problem für jemanden aus Deutschland, nach Kanada, Australien oder Japan zu fahren und dort schottisch zu tanzen. Das Tanzrepertoire ist groß, aber es zeigt sich, daß die beliebtesten Tänze in Europa, Amerika und anderswo eigentlich im großen und ganzen dieselben sind. Und Schottentanzgruppen überall auf der Welt freuen sich immer über Besuch! Es gibt eine Liste von Gruppen mit Kontaktadressen, die die RSCDS jedes Jahr veröffentlicht, und wenn man Internet-Zugang hat, kann man auch auf der Strathspey-Mailingliste fragen, ob es dort, wo man hinfährt, Tänzer gibt oder gerade etwas Interessantes stattfindet.

F. Wo gibt es auf dem Internet mehr Informationen über Schottentanz?

A. Der Strathspey Server ist sicher eine der wichtigeren Adressen — dort stehen nicht nur verschiedene Dokumente und Verweise auf Tanzgruppen in aller Welt, sondern auch das Archiv der Strathspey-Mailingliste, eines internationalen Diskussionsforums über Scottish Country Dancing.

F. Ich möchte noch etwas wissen, und zwar ...

A. Schick einfach Mail an mich. Ich werde mich dann um eine Antwort bemühen.

Anselm Lingnau, 21. Oktober 2000 (aktualisiert im Januar 2004)

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